Die Sinnkrise


Veröffentlicht am 09. Mai 2019


Die Schockstarre in der unsere Industrien offensichtlich stecken, führt immer mehr zu einem Innovationsversagen epischen Ausmaßes. Die Chemie in der Glyphosatfalle und der Batteriewüste, die Energiewirtschaft in der Atomabwicklungskrise, die Autoindustrie benebelt vom Dieselruß, die Banken und Bahntechnik im abgewürgten Fusionseifer und desillusionert angesichts überbordender Stärke der chinesischen Industrie,…

In diese Sinnkrise kommen dann mittlerweile mit steter Regelmäßigkeit Experten an den öffentlichen Diskussionstisch, die sich weit in fremde Expertisenterrains wagen. Zuletzt der langjährige IFO Chef und Makroökonom Hans-Werner Sinn, vielgepriesen und geschätzt für seine tiefsinnige Volkswirtschaftsexpertise. Er kommt mit seinem Team zum Schluss, dass wohl doch das Verbrennungsmotor getriebene Auto nachhaltiger ist als das durch einen Elektromotor angetriebene.

Dass er sich auf das besonders bodenhaftungsarme Gesamtbilanzierungsterrain im mobilen Kontext wagt, erfordert den Mut des Wackeren. Denn kaum veröffentlicht, balgen sich die Experten über die Richtigkeit nicht des Denkens, sondern des Bilanzierens. Und da bleibt jede Menge Spielraum zur Diskussion, ohne sich wirklich jemals um zentrale Fragestellungen, wie z.B. die über Sinn oder Unsinn der Diskussion, kümmern zu müssen.

Da wirkt dann für die öffentliche Diskussion schon sinnstiftend, was Mathelehrer immer wieder predigen: was ist denn der Definitionsbereich, oder sind die Überlegungen weit außerhalb jedes realistischen Betrachtungsrahmens?
Wenn man ganz unabhängig von irgendwelchen Fahrzyklen und Primärenergieerzeugungsszenarien ein verbrennergetriebenes Auto mit einem E-Auto nach 100000 km vergleicht, dann hat man doch als sehr übersichtliche Bilanz beim Verbrenner ca. 6000l Kraftstoff verbrannt oder anders ausgedrückt eine aus dem Boden geholte Flüssigkeit, die mit verschiedenen Raffinerieprozessen aufqualifiziert wird, unwiederbringbar in Wärme und mindestens fünf verschiedene Abgasklassen verwandelt: Kohlenmonoxid/Kohlendioxid/Stickoxide/Partikelmasse/Kohlenwasserstoffe.

Beim E-Auto hat man nach 100000 km einen degradierten chemischen Block im Auto, den man zweitverwenden, recyceln oder zumindest zum großen Teil in seine Grundbestandteile zurückführen kann. Viel besser aber, einfach damit weiterfahren und wahrscheinlich länger, als der Rest des Autos das aushält. Ein sachdienliches Beispiel ist sicher der Norwegische Taxifahrer, der sich in seinem Tesla bei über 80 % Restkapazität der Batterie einer Laufleistung von 1 Mio Kilometer annähert. Und die Wahrscheinlichkeit, dass diese Batterie nochmal die gleiche kalendarische Lebensdauer als kleiner Einzelblock eines großen Windstromspeichers funktioniert, ist groß.

Um gleich alle Klischees, die in der Presse umgehen, zu zitieren: auch sind in der Batterie heute Rohstoffe verarbeitet, die momentan noch nicht in ausreichendem Maße verfügbar sind, was in einer freien Marktwirtschaft zu steigenden Preisen und zusätzlichen Explorationsanstrengungen führt oder zu Engineering Lösungen, die den Mengenbedarf dieser Rohstoffe reduziert. Und vielleicht ist es ja einer Versachlichung dienlich, wenn man weiß, dass mehr als 30% des jährlich gehandelten Platinvolumens in den beim verbrennergetriebenen Auto vorgeschrieben Katalysator geht.

Auch gibt es Seltene Erden Metalle, die durch Kinderarbeit gewonnen werden. Aber es ist nicht unwahrscheinlich, dass an Ihrem heimischen Teppich ungleich mehr Kinder geknüpft, als für Ihr E-Auto gegraben haben. Allein schon weil es ungleich viel mehr Menschen gibt, die mehrere Teppiche haben, als solche die ein E-Auto besitzen. Dann stellt sich die Frage, ob jemand mehr Kinderarbeit beim E-Auto akzeptieren würde als beim Verbrennerauto. Wohl nicht – d.h. von einem seriösen Hersteller kann man als Kunde erwarten, dass alle seine Produkte in Ordnung sind und zwar auch in Hinsicht darauf, wie und woraus sie hergestellt werden. Also muss sich der Hersteller Ihres Vertrauens darum kümmern, dass auch seine E-Fahrzeuge diese Forderungen erfüllen.
Und wenn wir alle diese Argumente mal weglassen, dann stellt sich am Ende die Frage „Was denn sonst außer der Batterie könnte den Weg in die Zukunft weisen?“

Oder haben Sie Menschen getroffen, die sich ein Steckerkabel an ihrem Smartphone oder Ihrem Akkuschrauber wünschen. Auch eine PO, eine „persönliche Oberleitung“ für den persönlichen Kraftwagen ist eher unwahrscheinlich.

Und wenn dann ein anderer Professor vorschlägt, dass deutsche Unternehmen nur Batteriegrundmaterialien veredeln und handeln sollen, dann ist das so, als wenn beim Beginn des Verbrennungsmotors ein Gelehrter aufgestanden wär und hätte zu Carl Benz, Gottlieb Daimler, Wilhelm Maybach,…. gesagt, lasst doch bitte das Motorenbauen, das bringt zu wenig Profit. Es reicht wenn Salzgitter Werke, Thyssen und Krupp den Stahl dafür herstellen und wir den fertigen Motor aus USA,… kaufen.

Teenager auf der Straße würden wahrscheinlich sagen „geht’s noch“ – ich sag nix, mir fehlen einfach die Worte.

Dr. Ulrich W. Schiefer, MBA